Frank Mella: Ich war 1987 Redakteur bei der Börsenzeitung in Frankfurt am Main und hatte für meine Zeitung schon einen Index gemacht.
Da trat der Verleger an mich heran und bat mich, einen Index für den Finanzplatz Deutschland zu entwickeln. Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe ein 30-seitiges Exposé eingereicht und der Verleger war so begeistert davon, dass er einige Banken-Experten geladen hat. Und daraus ist dann der DAX entstanden.
Es gab jede Menge Indizes. Aber genau da lag das Problem. Es gab damals wie heute zum Beispiel den Index der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Aber der wurde schon in der Konkurrenzzeitung nicht mehr zitiert. Dann gab es den Commerzbank-Index, den hat die Deutsche Bank nicht benutzt. Dann hatte die Frankfurter Wertpapierbörse immer einen Index, der wurde aber in der Düsseldorfer Börse nicht mehr benutzt. Und dann kam auf einmal der DAX, der Deutsche Aktienindex. Aus der Bezeichnung geht ja nicht einmal hervor, wer diesen Index berechnet. Und das war dann der gemeinsame Nenner auf den sich alle einigen konnten.
Das bevorzugte Instrument im Terminhandel ist der so genannte Future. Das ist ein Terminkontrakt. Wenn wir über den DAX reden: Jeder Indexpunkt zählt 25 Euro. Wenn sie so einen Kontrakt kaufen, dann bezahlen sie dafür gar nichts, müssen aber geradestehen für die Differenz. Wenn der Index um 100 Punkte steigt, dann haben sie 100 Punkte mal 25 Euro, also 2500 Euro gewonnen. Leider funktioniert es natürlich auch in die andere Richtung.
Genau da habe ich die Idee her. Ich befand mich Ende der 70er-Jahre auf einer Pressereise zu den amerikanischen Terminbörsen. Damals ging es um Schweinebäuche, Sojabohnen, Weizen, gefrorenen Orangensaft. Dort kam ich ins Gespräch mit dem Präsidenten dieser Terminbörse. Er entwickelte dann die Idee, dass man diese Futures auch auf Aktienindizes anwenden könnte. Ich habe die Idee damals für verrückt gehalten.
Die Amerikaner haben das dann tatsächlich eingeführt, 1982 zuerst in Kansas und kurz darauf in Chicago. Und von dort aus hat sich die Idee über ganz Europa verbreitet. Nur in Deutschland hatten wir nichts Vergleichbares. Der Finanzplatz drohte in die Provinzialität abzurutschen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich dieses Exposé über den DAX im Expertenkreis vorgetragen habe. Da meldete sich ein Teilnehmer von einer Großbank, mit Indexterminkontrakte könne er seinem Vorstand nicht kommen, da müsse er sich erstmal einlesen, sowas kannte damals niemand in Deutschland.
Im letzten Jahr ist alleine in DAX-Futures ein Kontraktvolumen von 9,3 Billionen Euro umgesetzt worden. Das sind 9300 Milliarden Euro.
Der ökonomische Sinn der ganzen Übung besteht darin, dass die institutionellen Anleger damit ihre Kursrisiken absichern können. Stellen Sie sich zum Beispiel eine Versicherung vor, die Gelder am Aktienmarkt anzulegen hat, aber einen größeren Geldeingang erst in zwei, drei Monaten erwartet. Wenn die Versicherung nun befürchtet, dass ihr die Kurse nach oben davonlaufen, dann kaufen sie heute schon Futures und warten bis sie das Geld haben, verkaufen die Futures dann wieder und legen das Geld in Aktien an.
(Deutsche Welle)
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