Das mystische, unheimliche Prag, es ist die Stadt von Franz Kafka, des deutschsprachigen Schriftstellers mit jüdischen Wurzeln.
Wer Kafkas Literatur kennt, der weiß, wie bedrückend seine Erzählungen zumeist sind. Und dennoch ist Kafka eine der Attraktionen in Prag, von denen Touristen magisch angezogen werden. Und das auch noch 125 Jahre nach seiner Geburt.
Die Touristenmeile in Prag. Sie schlängelt sich vom Altstädterring quer durch die engen Gassen der Altstadt. Ein Souvenirgeschäft reiht sich hier an das andere. Neben angesagten T-Shirts mit dem ausgeklügelten Wortspiel „Czech me out“ scheint aber noch eine andere Sache „in“ zu sein. Aus den Auslagen starrt einen immer wieder ein unheimliches Augenpaar auf einem knallroten T-Shirt an. Darunter der Deutschsprachige Prager Autorin Reinerova gestorben ...
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Thema ... Schriftzug: Franz Kafka.
„Wir bieten T-Shirts und Becher mit dem Aufdruck von Kafka an,“ sagt diese Verkäuferin eines Touristenlädchens. Die Geschäfte mit Kafka gingen immer noch ganz gut, sagt sie. Und auch auf der anderen Moldauseite, im Kafka-Museum, bietet man neben Lehrreichem über Leben und Werk des Schrifstellers alle möglichen Devotionalien feil. Das Lesezeichen mit Kafkas Konterfei gehört dabei noch zu den anständigeren Sachen. Beim Mauspad mit Auszügen aus Kafkas Liebesbriefen und dem Kafka-in-the-box-Püppchen wird es dann schon abgeschmackter. Und der letzte Schrei? „Das ist ein Kugelschreiber, in dem Kafka schwimmt. Ein schwimmender Kafka. Das ist ein sehr beliebtes Souvenir,“ sagt die Frau an der Kasse.
Kafka hat in Prag Popstatus. Man kauft die Souvenirs mit einer Herzenslust, als hätte Franz Kafka sie abends in Heimarbeit selber hergestellt. Dabei war sein Lebens alles andere als schrill. Am 3. Juli 1883, also auf den Tag genau vor 125 Jahren, ist der deutschsprachige Schriftsteller als Sohn jüdischer Eltern in Prag geboren worden. Eine schwierige Kindheit und Jugend, ein Vater, der ihm oft als ungerecht und übermächtig erschien, ein Jurastudium und eine Anstellung bei einer Versicherungsgesellschaft. Ein reiner Brotberuf. Denn was Kafka eigentlich wollte, war schreiben.
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“
So beginnt Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, in der Gregor Samsa fortan als Käfer sein Dasein fristet und sich in seiner Familie immer nutzloser vorkommt, bis er stirbt. Finster, mystisch, irreal kommen die Erzählungen von Kafka daher. Eben „kafkaesk“, wie der Prager Literaturwissenschaftler Milan TvdrÃk, erklärt:
„Das ist etwas, das wahrscheinlich mit Prag sehr eng verbunden ist. Man muss in dieser Stadt oder in diesem Land leben, um es sehr gut verstehen zu können. ‚Kafkaesk’ heißt, etwas ist bizarr, es ist etwas in Träumen, in der irrealen Welt, das manchmal in den Vordergrund tritt und die Realität in der Stadt mehr prägt als das reale Leben.“
Eine große Kluft zwischen dem Einzelnen und der anonymen Gesellschaft; die Auseinandersetzung eines vereinsamten Menschen mit seinem familiären Umfeld, mit einer unbarmherzigen technokratischen Bürokratie, das sei es, was Kafkas Literatur ausmache, meint Milan Tvrdik. Und auch die Frau an der Kasse des Kafka-Museums überkommen Schauer, wenn sie an ihre Kafka-Lektüre denkt:
„Wir sind damit noch nicht ganz im Reinen. Ich glaube, das, was er beschreibt, die Absurdität, in der haben wir 40 Jahre lang gelebt zur Zeit des Kommunismus.“
Aber wie kommt es dann, dass bei all dem Dunklen Kafka gerade unter den Touristen scheinbar so viel schrillen Souvenir-Sexappeal hat?
„In den Neunziger Jahren, nachdem die Mauer gefallen war, hat man Prag neu für sich erschlossen. Eine Stadt, die doch im Dunkeln lag und die sich mit dem Gefühl für Kafka und für Kafkas Werke deckte. Das ist vielleicht der Anlass für die große Touristenwelle der Neunziger Jahre. Sexy Kafka ist eigentlich eine Erfindung der modernen oder der postmodernen Zeit.“
Der Kafka-Boom klinge aber immer mehr ab, je herausgeputzter sich Prag präsentiere, meint Milan TvdrÃk. Kafka wurde nur knapp über 40 Jahren alt. Aber: „Ich nehme an, Kafka wird nicht sterben.“
Und das hoffen sicher auch die Souvenir-Händler in den engen Gassen Prags.
(radio-Prag)
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